Morton Rhue – Boot Camp

Die ersten Sätze: „Entschuldigen Sie. Meine Hände sind taub.“ „Ach ja?“, erwidert der Mann am Steuer des Autos. Er heißt Harry. „Könnten Sie die Handschellen vielleicht etwas lockerer machen?“, frage ich. „Tut mir Leid, Muttersöhnchen.“ „Wenn’s Ihnen Leid tut, warum helfen Sie mir dann nicht?“ „Nichts zu machen.“ Harry trägt einen Cowboyhut und spricht ziemlich undeutlich. Ich sitze auf der Rückbank des dunklen Wagens und sehe nur die Umrisse seiner Schulter und den dicken Hals unter seinem breiten Hut. Meine Hände sind schon seit zwei Stunden hinter meinem Rücken gefesselt, ich spüre sie nicht mehr. Nur noch ein Kribbeln unterhalb der Handgelenke.

Die letzten Worte: „Aber…ich habe es verdient, Sir.“

Inhalt: Connor kann es selbst noch kaum glauben, als ihn zwei wildfremde Menschen auf dem Rücksitz ihres Wagens an einen anderen Ort bringen, an dem Connor einige Zeit verbringen soll. In einem sogenannten Boot Camp, einem Erziehungslager, das obendrein den gemein ironischen Namen „Lake Harmony“ trägt, soll Connor aus seinen Fehlern lernen und sich zu einem besseren Jugendlichen entwickeln. Wie lange er dafür braucht, liegt an ihm – es kann schlimmstenfalls Jahre dauern, wie ihm bei seiner Ankunft erklärt wird.

Dabei ist Connor keinesfalls ein Krimineller oder ein schwer erziehbarer Junge – Connors biedere und karrierebewusste Eltern kommen lediglich mit seiner überdurchschnittlich hohen Intelligenz nicht zurecht und können sich beim besten Willen nicht erklären, warum Connor, der sich in der Schule unterfordert fühlt und daher den Unterricht schwänzt, so „schwierig“ ist. Zudem bringt eine Affäre mit seiner Lehrerin die elterlichen Dogmen ins Wanken – Connor muss ins Boot Camp. Er findet sich wieder in einer Gruppe von Jugendlichen, die man auch „Familie“ nennt, die Namen wie „Würde“ oder „Achtung“ tragen. Connor darf nur reden, sitzen oder gehen, wenn er dazu aufgefordert wird, Rebellion oder Auflehnung wird hart bestraft, Schläge und Misshandlung liegen an der Tagesordnung. Wer sich trotzdem nicht benimmt, „darf“ in die IS, die Isolierstation, und wird dort aus heiterem Himmel zusammengeschlagen. Es machen auch Gerüchte die Runde, dass letztes Jahr ein Jugendlicher in „Lake Harmony“ gestorben sei…

Reingelesen:

  • Meine Eltern sagen, dass ich mit zweieinhalb Jahren schon laut vorlesen konnte. Die Eignungsprüfung für den Kindergarten war für mich ein Klacks. Mit fünf konnte ich Wurzeln und Potenzen berechnen. In den ersten sieben Jahren meines Lebens bekam ich immer nur zu hören, was für ein kluges Kind ich sei. Mit acht habe ich dann einen Brief meiner Mutter gefälscht, ich könne wegen schweren Asthmas nicht am Sportunterricht teilnehmen. […] Von da an war ich nicht mehr das kluge Kind. Ich war einfach schlauer, als gut für mich war. (S.27)
  • Willkommen auf der IS-der Isolierstation-, wo man micht zwingt, mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden zu liegen. Und das ohne Unterbrechung. Nur zum Essen oder wenn ich auf die Toilette muss, darf ich für wenige Minuten aufstehen. (S.39)
  • Die Stimmung im Camp ist unberechenbar. (S.106)

Ausgelesen: Morton Rhue beschreibt auf eine schockierende Weise aus der Ich-Perspektive eines Jugendlichen den Alltag in einem schrecklichen Boot Camp irgendwo in Amerika. Wie viele Boot Camps es genau in Amerika gibt, weiß man nicht so genau, Schätzungen zufolge zwischen 50 und 100. Schonungslos, brutal und unfassbar erniedrigend geht es an diesem Ort zu, wer aufbegehrt, wird sofort klein gemacht. Das muss auch Connor mehrmals am eigenen Leib spüren. Zum stets aktuellen Thema „Erziehung“ und diskutierten Methoden für schwer erziehbare Jugendliche à la Camping im Outback, Leben auf einer verlassenen Alm oder Austausch in eine fremde Familie ist „Boot Camp“ jedenfalls ein abschreckendes Beispiel. Der Hauptcharakter Connor ist hierbei eine Beispielfigur, bei der die Erfahrungen sicherlich auf die Spitze getrieben werden, doch viele Jugendliche werden ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Ein interessantes und originelles Jugendbuch, das auch als Klassenlektüre denkbar wäre.

Autor: Morton Rhue (*1950) heißt mit richtigem Namen Todd Strasser und wurde vor allem mit seinem Roman „Die Welle“ berühmt, dem auch mittlerweile zwei Verfilmungen folgten, die aktuelle mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Rhue greift in seinen Werken stets Themen auf, die Diskussionsmaterial liefern und macht damit auch auf aktuelle Probleme aufmerksam, wie etwa Obdachlosigkeit, Gewalt, Amokläufe oder Rechtsextremismus.

Erhältlich im Ravensburger Buchverlag, 288 Seiten, ca 7,- €

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~ von reader - 18. März 2008.

6 Antworten to “Morton Rhue – Boot Camp”

  1. […] dieses Buch so besonders macht, ist erneut der wahre Charakter der Geschichte. Denn selbst, wenn sie Fiktion […]

  2. das buch ist der hammer wenn es einen 2 teil gibt bitte melden denn ich bin nach diesem buch verrückt . haha es. ist einfach der hammer

  3. Das Buch ist einfach nur genial!!
    Ich kann es nur jedem empfehlen

  4. Ich bin wirklich kein literaturscheuer Mensch aber nach dem ich sowohl die Well als auch Boot Camp als Schulliteratur vorgesetzt bekommen habe, bin ich um genau eine Erfahrung reicher–> Morton Ruhe hat eine Gabe, Themen zu finden, die diskussionswürdig sind. ABER er hat absolut keine schriftsellerischen Fähigkeiten. Platte Handlungsstränge, merkwürdige Wendepunkte (die keinen Spaß am Lesen bereiten) und ein einfaches Sprachlevel, verderben die Themen. Warum ausgerechnet dieser Schriftsteller zur Schullektüre (9. Klasse) zählt…?!

  5. meine Meinung:

    I finde das das Buch einfach genial ist. Die die das nicht so sehen haben keine Ahnung was ein gutes Buch ist.

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