John Updike – Die Hexen von Eastwick

Die ersten Sätze: “Ach, und noch was”, sagte Jane Smart in ihrer hastigen, aber gezielten Art – jede Silbe war wie die schwarze Spitze eines eben ausgepusteten Streichholzes, die man sich zum Spaß, um sich ein bisschen weh zu tun, so wie Kinder es machen, auf die Haut drückt – “Sukie sagt, ein Mann hat das Lenox-Haus gekauft.” “Ein Mann?”, sagte Alexandra Spoffort, sie fühlte, wie sie aus der Balance rutschte, ihre friedvolle Aura an diesem Morgen dellte sich unter dem aggressiven Wort. “Aus New York”, hastete Jane weiter. Die letzte Silbe kam wie gebellt, ohne r, Yankee-Stil. “Ohne Frau und Familie offenbar”. “Oh. So einer.” Während Alexandra zuhörte, wie Jane mit ihrem nördlichen Akzent ihr das Gerücht auftischte, ein Homosexueller aus Manhattan wolle sich bei ihnen einnisten, kam sie sich wie durchschnitten vor, durchkreuzt in diesem rätselhaften, unübersichtlichen Staat Rhode Island.

Die letzten Worte: ein Skandal, das Leben wie aufsteigender Rauch zur Legende verdreht.

Inhalt: Eastwick in Rhode Island scheint auf den ersten Blick ein ganz normales verschlafenes amerikanisches Küstenstädtchen zu sein. Doch der Schein trügt. Denn in der Kleinstadt leben drei Frauen mit magischen Kräften. Hexen. Niemand der Bewohner ahnt, mit welchen Zaubereien sie teilweise beeinflusst werden. So werden die Männer mit Liebeszaubern belegt oder zur Befriedigung sexueller Gelüste verwendet, während unliebsame Nebenbuhlerinnen aus heiterem Himmel gerne einmal einen Schwindelanfall oder eine Krankheit bekommen. Sukie, Alexandra und Jane, drei geschiedene Frauen, die sich das Leben mit magischen Tricks leichter machen. Doch auch die drei doch recht souveränen Frauen geraten in helle Aufregung, als ein reicher geheimnisvoller Mann aus New York das alte Lenox-Haus an der Küste kauft. Nicht nur durch seine direkte und äußerst selbstbewusste Art, sondern auch durch seine besondere erotische Ausstrahlung versetzt er die Hexen in helle Aufregung und sorgt unter den drei Freundinnen für so einigen Trubel, der sich nach einiger Zeit auch auf den restlichen Ort ausweiten wird…und dies fördert wiederum einige prekäre Geheimnisse fördern, die das idyllische Bild von Eastwick sehr in Frage stellen.

Reingelesen:

  • “Jane hat so schöne Möglichkeiten”, sagte Sukie, ein bisschen automatisch, während sie mit wütenden Äffchenbewegungen im Eiskasten des Kühlschranks kratzte und noch ein paar Würfel zu lösen versuchte. Eine Hexe kann mit einem Blick Wasser zu Eis machen, aber es wieder aufzutauen ist manchmal ein Problem. (S. 33)
  • “Mit mir hat er Nachsicht, aus irgendeinem Grund.” Sukie schlug die Augen nieder – ein bezaubernder Anblick: die rötlichen geschwungenen Brauen und die Lider überstäubt mit einem Hauch Lavendelblau, und das glatte, glänzende, aprikosenfarbene Haar sittsam zurückgebürstet und auf beiden Seiten festgehalten von kupfernen Spangen, die zu dem enganliegenden Halsband aus aneinandergehakten Kupferhalbmonden passten. (S.153)
  • Drei Köpfe mit hochgestecktem Haar waren über die Fläche des dampfenden Wassers verteilt. Die Stimmen murmelten weiter, kein Kopf wandte sich um, als Sukie sich auszog. Sie pellte sich aus den steifen Schichten ihrer Tennissachen und ging nackt durch die feuchte Luft, setzte sich auf den Bassinrand und drückte den Rücken durch, um sich dem Wasser hinzugeben; zuerst war es zu heiß, nicht zu ertragen, aber dann, dann. (S.214)
  • Jane intonierte die Worte, jedoch in einem so toten, entschlossenen Tonfall, gewissermaßen die Noten ablesend, dass Alexandra sie ermahnte: “Du musst daran glauben. Dies ist Jenny.” (S. 283)

Ausgelesen: Es ist bewundernswert, zu lesen, mit welch einer Sprachakrobatik und einem linguistischen Feingefühl Updike die Sprache der Bewohner und die Szenerie plastisch und dimensional beschreibt. Metaphern und Vergleiche, die man in einer solchen kunstvollen Form vorher noch nicht gelesen hat. Von kitschiger Magie und Feenstaub keine Spur – die Hexen sind triebgesteuerte und manipulative, erotisch hoch aufgeladene Wesen, die selbstsüchtig zu ihren Tricks greifen, um ihren Willen zu erfüllen. Gleichzeitig zerlegen die magischen Vorgänge die trügerische Kleinstadtidylle von Eastwick und bringen die Geheimnisse der scheinbar makellosen Bewohner an die Oberfläche. Überraschend ist es dann umso mehr, wie ein Sterblicher dann diese drei Frauen aus der Bahn werfen und mit seinem eigenen Charme verzaubern kann – eine böse, gelungene und sprachgewaltige Geschichte, verknüpft mit der Kleinstadtkritik  eines amerikanischen Nestes.

Zum Autor: John Updike wurde 1932 in Pennsylvania geboren und ist ein berühmter US-amerikanischer Schriftsteller, der schon viele Literaturpreise und Auszeichnungen für seine Werke erhalten hat. Berühmt wurde er mit dem Roman “Hasenherz” (orig. Rabbit, Run) und veröffentliche danach zahlreiche Kurzgeschichten und etwa 20 weitere Romane. In seinen Werken fängt er stets die amerikanische Stimmung, die Sehnsüchte und Ängste, Befindlichkeiten und Gegebenheiten zwischen den 50er Jahren und der Jahrtausendwende ein. Er starb 2009 an Lungenkrebs.

rororo-Verlag, 349 Seiten, ca. 10,- €

~ von reader am 28. März 2010.

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