Joe Dunthorne – Ich, Oliver Tate
Die ersten Sätze: Es ist Sonntagmorgen. Ich höre den Sound von schlechtem Jazz aus unserem Modem, während meine Mutter sich ins Internet einwählt. Ich bin im Badezimmer. Vor kurzem habe ich entdeckt, dass meine Mutter Bezeichnungen für bislang unbekannte Geisteszustände und mögliche Gegenmittel in die Yahoo-Suchmaschine eingegeben hat: “Wahnvorstellungen bei Jugendlichen”, “hyperaktive Phantasie”, “homöopathische Verhaltensstabilisierer.” Wenn man bei Yahoo “Wahnvorstellungen bei Jugendlichen” eingibt, kommt man ziemlich schnell zum Cotard-Syndrom. Das Cotard-Syndrom ist eine Form von Autismus, bei der die Betroffenen glauben, sie wären tot. Auf einer Website kann man Zitate der Betroffenen lesen. Eine Zeit lang habe ich solche Sätze beim Abendessen als Pausenfüller eingeworfen oder wenn meine Mutter mich gefragt hat, wie es in der Schule war. “Mein Körper ist nur noch eine Hülle”. “Meine inneren Organe sind aus Stein”. “Ich bin schon seit Jahren tot.”
Die letzten Worte: Die Sonne geht unter. Und ist verschwunden.
Inhalt: Der fünfzehnjährige Oliver Tate steht auf der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend. Er hat mit sich selbst bereits einige große Probleme, interessiert sich aber auch mit einem erschreckenden Interesse für die Probleme seiner Mitmenschen, wie etwa für das Sexleben seiner Eltern. Die wiederum machen sich Sorgen um ihren kleinen Sohn, der ein besonderes Interesse für Fremdwörter hat, mit der vulgären und schwer durchschaubaren Jordana ausgeht und der Beziehung von Mum und Dad wieder auf die Sprünge helfen will. Während Olivers Vater lieber tagelang im Bett bleibt und sich in Schweigen hüllt, die Mutter auf einen Selbsterfahrungstrip in ein Camp abreist und dabei wieder auf ihren ehemaligen Liebhaber trifft, was Oliver in größte Alarmbereitschaft versetzt, muss dieser selbst mit seiner Freundin Jordana, dem vorlauten Freund Chips und schrulligen Nachbarn klarkommen – und ganz nebenbei noch mit sich selbst.
Reingelesen:
- Jordana durchsucht eine kleine Schublade oben an der Frisierkommode meiner Eltern. Ich versuche nicht, an das Essen zu denken, das kalt wird, und schon gar nicht an das gerinnende Eigelb. Wenn Sex so gut ist, wie immer behauptet wird, so sage ich mir, sind Dinge wie Essen, Atmen, Reden und Schlafen sowieso nichts weiter als notwendige Übel zwischen einer Nummer und der nächsten. (S.113)
- “Was machst du hier eigentlich?” Seine Hände sind rot und nass; seine Stirn glänzt. Er riecht nach künstlichen Zitronen. “Hm?”, macht er. Über dem Knorpel auf seinem Nasenrücken spannt sich die Haut. Chips hat mir erzählt, dass sein Vater ihn einmal mit einem Pornoheft erwischt hat. Ich denke an das, was Chips gesagt hat. “Das sind Pornos, Dad. Tut mir leid.” Dazu ein schuldbewusster Blick. In Chip’s Geschichte wollte der Vater einen Blick auf die Pornos werfen. “Ach so, okay”, sagt er. (S.175)
- “Wir kommen zu spät.”, sagt er. Sie ist unsäglich bleich; aus ihrer Unterhose quellen die Oberschenkel. Sie zieht ein schwarzes Kleid heraus und begutachtet es. Dad verlässt das Zimmer und schließt geräuschvoll die Tür. Er entfernt sich ein Stück, dann bleibt er stehen. Er dreht sich um und brüllt in Richtung der geschlossenen Tür: “Jedes. Beschissene. Mal.” (S.209)
- Ich mache mir nicht die Mühe herauszufinden, wie ich ihren Gürtel öffnen kann, sondern schiebe einfach die Hand darunter hindurch. Sie wirft einen Blick auf die Lampe, die wie eine rote Klitoris am Mischpult aufleuchtet. Ich fahre mit dem Handrücken über eine klebrige, haarige Stelle zwischen ihren Beinen. “Nngh”, haucht sie. (S.342)
Ausgelesen: Oliver Tates Umwelt ist erbarmungslos, trist und nimmt auf den kleinen Erwachsenen im Kindskörper wenig Rücksicht. Zu gut, dass Oliver ziemlich intelligent ist und sich zu helfen weiß. Altklug und reflektierend hinterfragt er die Situationen und Gegebenheiten, die sich ihm bieten und versucht, teilweise mit ein wenig drastischen Mitteln, in die Handlung einzugreifen, wenn diese ihm nicht gefällt. Nebenbei muss er noch mit seinen eigenen Sorgen fertig werden – Fragen zur Sexualität, die erste Freundin, Hänseleien und Gruppenzwang in der Schule, Mobbing, Lebensträume, Sehnsüchte..in einer Mischung aus Ich-Erzählung und Tagebuch hält Oliver seine Eindrücke fest – witzig, flippig, krass und direkt formuliert, manchmal ein bisschen zu ausführlich. Eine außergewöhnliche Geschichte mit einem eigenen Humor und einem verrückten aber liebenswerten Hauptdarsteller.
Zum Autor: Joe Dunthorne ist mit “Ich, Oliver Tate” ein toller Debüt-Roman gelungen. Der 26jährige Lyriker und Autor wurde im englischen Swansea geboren und veröffentlichte neben seinem Roman zahlreiche Gedichte für verschiedene Zeitschriften. Jeden Monat organisiert er Lesungen und ist auch im Radio zu hören. Mittlerweile lebt er in London.
rororo-Verlag, 378 Seiten, ca. 10,- €

