Ken Kesey – Einer flog über das Kuckucksnest

Kuckucksnest

Die ersten Sätze: Sie sind da draußen. Schwarze Jungen in weißen Uniformen, die vor mir auf den Beinen sind, um im Flur Sexspiele zu treiben und die Spuren aufzuwischen, ehe ich sie dabei erwischen kann. Sie sind am Aufwischen, als ich aus dem Schlafsaal komme, alle drei schlechter Laune und voller Hass auf alles, die Tageszeit, ihren Arbeitsplatz, die Leute, die sie bei der Arbeit dauernd um sich herum haben. Solange sie so hassen, ist es besser, sie sehn mich nicht. Lautlos wie Staub schleiche ich mich in meinen Segeltuchschuhen an der Wand entlang, doch sie haben ganz empfindliche Spezialgeräte, die entdecken meine Angst, und alle schauen hoch, alle drei gleichzeitig, und die Augen funkeln aus den schwarzen Gesichtern wie das kalte Gefunkel von Röhren aus der Rückseite eines alten Radios.

Die letzten Worte: Ich bin lange fort gewesen.

Inhalt: In einer psychiatrischen Klinik regieren Schwester Ratched und ihre Pfleger eine Station. Die Patienten unterteilen sich in die Chronischen, die Akuten und die Vegetierer. Von den Akuten erhofft man sich noch medizinische oder therapeutische Erfolge, während die Chronischen sich lediglich aus dem Grund in der Klinik befinden, damit sie draußen kein Unheil anrichten. Die Vegetierer sind komplett auf fremde Hilfe angewiesen und können meistens nur noch liegen. Schwester Ratched hat im Laufe der Zeit einen perfekt funktionierenden Ablauf auf der Station eingebürgert, vor Elektroschocks, Fernseherentzug oder gar einem operativen Eingriff am Gehirn schreckt die berechnende und emotionslose Frau keinesweges zurück. Diese reibungslos ablaufende Maschinerie wird jedoch just vom Neuzugang Randle Patrick McMurphy ins Wanken gebracht, der sich vor seiner Strafgefangenenarbeit auf den Feldern drücken will und sich stattdessen als scheinbar psychisch gestörter Fall in die Klinik einweisen lässt. Schon bald kann McMurphy die Insassen für sich gewinnen und zettelt eine Revolte nach der anderen an. Doch er hat sich damit auf einen sehr gefährlichen Gegner eingelassen…

Reingelesen:

  • „In der Latrine meine ich. Ich mache immer das Licht aus, um meine Gedärme anzuregen. Diese Spiegel, Sie verstehen schon; wenn das Licht an ist, dann ist mir immer so, als säßen die Spiegel über mich zu Gericht; sie beraten, wie sie mich bestrafen werden, wenn nicht alles richtig herauskommt.“ (S.317)
  • „Sicher!“, schreit er wieder. „Wenn wir den Mu-mu-mut hätten! Ich könnte heute r-r-raus, wenn ich den Mut hätte. Meine M-m-mutter ist eine gute Freundin von Miss Ratched, und ich könnte heute noch ein AMA unterschrieben bekommen, wenn ich den Mut hätte!“ (S.205)
  • Noch vor Mittag sind sie wieder an der Nebelmaschine, aber sie haben sie nicht ganz aufgedreht; der Nebel ist nicht so dicht, dass ich nicht sehen könnte, wenn ich mich richtig anstrenge. Eines schönen Tages werd ich einfach aufhören, mich anzustrengen, ich werd mich ganz gehen lassen und mich völlig im Nebel verlieren [...]. (S.49)
  • „Wir haben Zeit, Wochen, Monate oder auch Jahre, wenn’s sein muss. Vergessen Sie nicht, dass Mr. McMurphy eingewiesen wurde. Es steht ganz bei uns zu entscheiden, wie lange er in dieser Klinik zu bleiben hat.“ (S.169)

Ausgelesen: Erzählt wird der Roman aus der Sicht des Indianders Bromden, der vorgibt, taubstumm zu sein. Bromden ist der festen Überzeugung, als einziger Insasse den wahren Ablauf in der Irrenanstalt verstanden zu haben: regiert und gelenkt wird alles von einer großen schwarzen Maschine, die sich ihrer Puppen und Roboter bedient und jeglichen Widerstand eliminiert. Nicht verwunderlich ist daher natürlich, dass die Glaubwürdigkeit des Erzählers oft angezweifelt werden kann. In Randle Patrick McMurphy (dessen Initialen R.P.M. übrigens den Satz „Revolutions per Minute“ bilden lassen) findet er endlich einen Verbündeten, mit dem man den Aufstand wagen kann, doch Bromden hat ein Problem: er fühlt sich viel zu klein. Der Roman entführt nicht nur in die erschreckende Welt der Psychatrie, der Fäkalien, Drogen, Tabletten, Elektroschocks und Wasserbehandlungen, sondern er dreht sich auch ständig um die Frage, inwieweit vermeintlich Benachteiligte bevormundet werden dürfen und wann sich ein Individuum einer höheren Gewalt fügen muss und wann nicht. Eine verrückte und nachdenklich stimmende Tragikomödie, die nicht nur ein Stück Weltliteratur ist, sondern auch heute noch eine gewisse Aktualität genießt.

Zum Autor: Ken Kesey (1935-2001) kam die Idee zu seinem Erfolgsroman, als er selbst für einige Zeit in einer Psychatrie arbeitete. Kesey war Mitglied der Hippie-Gruppe „The Merry Pranksters“ die durch bunte Kleidung, schräge Shows und durch ihre Befürwortung psychedelischer Drogen bekannt wurden und 1964 von San Francisco nach New York tourten. Keseys Roman wurde mittlerweile mit Jack Nicholson verfilmt, eine Theaterfassung und ein Hörspiel folgten.

Erhältlich im rororo-Verlag, 343 Seiten, ca. 9,-€

~ von reader am 25. April 2008.

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