Die ersten Sätze: Wie wäre es mit einem Teekessel? Wie wäre es, wenn die Tülle beim Austreten des Wasserdampfs wie ein Mund auf- und zuklappte und hübsche Melodien pfiffe, Shakespeare aufsagte oder einfach mit mir ablachte? Ich könnte auch einen Teekessel erfinden, der mir zum Einschlafen mit Dads Stimme etwas vorliest, vielleicht auch einen ganzen Haufen Kessel, die im Chor den Refrain von „Yellow Submarine“ singen, einen Song der Beatles, die ich wahnsinnig gern mag, denn die Entomologie ist eine meiner raisons d’être, und das ist eine französische Redewendung, die ich gelernt habe. Eine super Idee wäre auch, meinem Hintern beizubringen, beim Furzen zu sprechen. Ganz besonders komisch wäre es, ihm beizubringen, beim Furzen zu sprechen. Ganz besonders komisch wäre es, ihm beizubringen, dass er jedes Mal „Das war ich nicht!“ sagt, wenn ich einen unglaublich fiesen Furz loslasse. Und wenn ich je einen unglaublich fiesen Furz im Spiegelsaal loslassen sollte, der in Versailles ist, das bei Paris ist, das in Frankreich ist, versteht sich von selbst, würde mein Hintern sagen: „Ce n’était pas moi!“
Die letzten Worte: Und alles wäre gut gewesen.
Inhalt: Oskar Schell mag zwar körperlich erst neun Jahre alt sein, hat aber den Intellekt eines Überbegabten. Leider nimmt ihn jedoch keiner aus der Erwachsenenwelt richtig ernst und belächelt seine oft verrückt erscheinenden Ideen – so hat Oskar schon einen Brief an Stephen Hawking geschrieben und trägt stets einen Tamburin, eine Kamera und ein Notizbuch mit sich herum, in das er Ideen und Gedanken aufschreibt und in dem auch seine Fotos Platz finden, auf denen er ihm wichtig erscheinende Momente oder Personen festhält. Oskars Mutter kann sich mit ihrem Sohn wenig beschäftigen, zu sehr ist sie mit der Trauer um den verstorbenen Vater Thomas Schell beschäftigt, der bei dem Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kam und kurz vor seinem Tod noch eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Schells hinterließ. In den Sachen seines Vaters findet Oskar eines Tages einen Schlüssel und will unbedingt herausfinden, zu welchem Schloss dieser Schlüssel wohl passen mag. Ganz alleine macht sich der kleine Oskar auf den Weg durch New York und erlebt ein wunderbar verrücktes Abenteuer – eingewoben in sein Notizbuch sind die Aufzeichnungen des Großvaters, der vor langer Zeit seine Worte verlor und sich nun in sehr langen Briefen an seinen Sohn alles von der Seele redet, was er ihm niemals direkt hatte sagen können.
Reingelesen:
- Ist doch krass, dass die Toten immer mehr werden, obwohl die Erde gleich groß bleibt es irgendwann keinen Platz mehr gibt, um die Toten zu begraben, oder? (S.14)
- Nach einiger Zeit hatte ich nur noch eine Hand voll Wörter, einen Gefallen nannte ich „Die Sache, für die man sich bedankt“, wenn ich hungrig war, zeigte ich auf meinen Bauch und sagte „Ich bin das Gegenteil von satt“, das „Ja“ war mir verloren gegangen, aber ich hatte noch das „Nein“, also antwortete ich auf die Frage „Bist du Thomas?“ mit „Nicht nein“, aber dann mir auch das „Nein“ verloren, ich suchte einen Tatoo-Laden auf und ließ mir JA auf die linke Handfläche und NEIN auf die rechte Handfläche tätowieren, was soll ich sagen, das Leben wurde dadurch zwar nicht schöner, aber immerhin lebbarer [...] (S.32)
- Der Junge bat das Mädchen, „Ich liebe dich“ in ihre Dose zu sagen, ohne seine Bitte weiter zu erklären. Sie verlangte auch keine Erklärung, und sie sagte auch nicht „Das ist doch affig“, oder „Wir sind zu jung für die Liebe“, ja sie erwiderte nicht einmal, dass sie „Ich liebe dich“ eigentlich nur sagte, weil er sie darum gebeten hatte. Stattdessen sagte sie „Ich liebe dich.“ Die Wörter wanderten durch das Jo-Jo, die Puppe, das Tagebuch, die Perlenkette, den Quilt, die Wäscheleine, das Geburtstagsgeschenk, die Harfe, den Teebeutel, den Tennisschläger, den Saum des Hemdes [...]. Der Junge tat einen Deckel auf seine Dose, löste sie von der Schnur und stellte die Liebe, die das Mädchen für ihn empfand, in ein Fach in seinem Schrank (S. 291f.)
- Ich weinte noch mehr. Ich hätte ihr am liebsten alle Lügen gebeichtet, die ich ihr erzählt hatte. Und am schönsten wäre es gewesen, wenn sei mir danach gesagt hätte, alles sei gut, weil man manchmal schlecht sein müsse, um etwas Gutes vollbringen zu können. Und dann hätte ich ihr am liebsten vom Telefon erzählt. Und dann hätte sie mir erzählen müssen, dass Dad trotzdem noch stolz auf mich gewesen wäre. Sie sagte: „Dad hat mich damals aus dem Gebäude angerufen“. (S. 434)
Ausgelesen: Es gibt wohl sicherlich selten ein so unglaublich verrücktes, außergewöhnliches und bewegendes Buch wie „Extrem laut und unglaublich nah“. Die Verarbeitung eines durch 9/11 verursachten Todesfalls durch die Augen eines hochbegabten Kindes erzählt zu bekommen und dabei gleichzeitig die Geschichte des Großvaters mitzuerleben, der sowohl seine eigenen Vergangenheit bewältigt als auch, wie der junge Oskar, auf seinen familiären Spuren wandelt sorgt für emotionale, mitreißende und von Überraschungen geprägte Lesestunden. Oskars Bilder, seine kindliche Erzählweise und die Authentizität der Erzähltexte durch das Drucken von nur wenigen Wörtern auf einer ganzen Buchseite ziehen den Leser vollkommen in den Bann - ein abgefahrenes, keinesfalls kitischiges, melancholisches und gefühlvolles Großstadtmärchen!
Zum Autor: Jonathan Safran Foer, Jahrgang 1977, gelang mit „Alles ist erleuchtet“ der Durchbruch und verhalf ihm weltweit zu Anerkennung. Mittlerweile hat er auch das Libretto zu einer experimentellen Oper veröffentlicht, die aber wenig Anklang bei den Kritikern fand. 2004 erhielt er mit zwei anderen Autoren das Robert-Bingham-Stipendium des PEN-Verbandes, was ihn maßgeblich bei der Arbeit an „Extrem laut und unglaublich nah“ unterstützte.
Fischer Taschenbuch Verlag, 437 Seiten, ca 10,- €








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