Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

•29. Juli 2008 • Kommentar schreiben

Die ersten Sätze: Wie wäre es mit einem Teekessel? Wie wäre es, wenn die Tülle beim Austreten des Wasserdampfs wie ein Mund auf- und zuklappte und hübsche Melodien pfiffe, Shakespeare aufsagte oder einfach mit mir ablachte? Ich könnte auch einen Teekessel erfinden, der mir zum Einschlafen mit Dads Stimme etwas vorliest, vielleicht auch einen ganzen Haufen Kessel, die im Chor den Refrain von „Yellow Submarine“ singen, einen Song der Beatles, die ich wahnsinnig gern mag, denn die Entomologie ist eine meiner raisons d’être, und das ist eine französische Redewendung, die ich gelernt habe. Eine super Idee wäre auch, meinem Hintern beizubringen, beim Furzen zu sprechen. Ganz besonders komisch wäre es, ihm beizubringen, beim Furzen zu sprechen. Ganz besonders komisch wäre es, ihm beizubringen, dass er jedes Mal „Das war ich nicht!“ sagt, wenn ich einen unglaublich fiesen Furz loslasse. Und wenn ich je einen unglaublich fiesen Furz im Spiegelsaal loslassen sollte, der in Versailles ist, das bei Paris ist, das in Frankreich ist, versteht sich von selbst, würde mein Hintern sagen: „Ce n’était pas moi!“

Die letzten Worte: Und alles wäre gut gewesen.

Inhalt: Oskar Schell mag zwar körperlich erst neun Jahre alt sein, hat aber den Intellekt eines Überbegabten. Leider nimmt ihn jedoch keiner aus der Erwachsenenwelt richtig ernst und belächelt seine oft verrückt erscheinenden Ideen – so hat Oskar schon einen Brief an Stephen Hawking geschrieben und trägt stets einen Tamburin, eine Kamera und ein Notizbuch mit sich herum, in das er Ideen und Gedanken aufschreibt und in dem auch seine Fotos Platz finden, auf denen er ihm wichtig erscheinende Momente oder Personen festhält. Oskars Mutter kann sich mit ihrem Sohn wenig beschäftigen, zu sehr ist sie mit der Trauer um den verstorbenen Vater Thomas Schell beschäftigt, der bei dem Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kam und kurz vor seinem Tod noch eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Schells hinterließ.  In den Sachen seines Vaters findet Oskar eines Tages einen Schlüssel und will unbedingt herausfinden, zu welchem Schloss dieser Schlüssel wohl passen mag. Ganz alleine macht sich der kleine Oskar auf den Weg durch New York und erlebt ein wunderbar verrücktes Abenteuer – eingewoben in sein Notizbuch sind die Aufzeichnungen des Großvaters, der vor langer Zeit seine Worte verlor und sich nun in sehr langen Briefen an seinen Sohn alles von der Seele redet, was er ihm niemals direkt hatte sagen können.

Reingelesen:

  • Ist doch krass, dass die Toten immer mehr werden, obwohl die Erde gleich groß bleibt es irgendwann keinen Platz mehr gibt, um die Toten zu begraben, oder?  (S.14)
  • Nach einiger Zeit hatte ich nur noch eine Hand voll Wörter, einen Gefallen nannte ich „Die Sache, für die man sich bedankt“, wenn ich hungrig war, zeigte ich auf meinen Bauch und sagte „Ich bin das Gegenteil von satt“, das „Ja“ war mir verloren gegangen, aber ich hatte noch das „Nein“, also antwortete ich auf die Frage „Bist du Thomas?“ mit „Nicht nein“, aber dann mir auch das „Nein“ verloren, ich suchte einen Tatoo-Laden auf und ließ mir JA auf die linke Handfläche und NEIN auf die rechte Handfläche tätowieren, was soll ich sagen, das Leben wurde dadurch zwar nicht schöner, aber immerhin lebbarer [...] (S.32)
  • Der Junge bat das Mädchen, „Ich liebe dich“ in ihre Dose zu sagen, ohne seine Bitte weiter zu erklären. Sie verlangte auch keine Erklärung, und sie sagte auch nicht „Das ist doch affig“, oder „Wir sind zu jung für die Liebe“, ja sie erwiderte nicht einmal, dass sie „Ich liebe dich“ eigentlich nur sagte, weil er sie darum gebeten hatte. Stattdessen sagte sie „Ich liebe dich.“ Die Wörter wanderten durch das Jo-Jo, die Puppe, das Tagebuch, die Perlenkette, den Quilt, die Wäscheleine, das Geburtstagsgeschenk, die Harfe, den Teebeutel, den Tennisschläger, den Saum des Hemdes [...]. Der Junge tat einen Deckel auf seine Dose, löste sie von der Schnur und stellte die Liebe, die das Mädchen für ihn empfand, in ein Fach in seinem Schrank (S. 291f.)
  • Ich weinte noch mehr. Ich hätte ihr am liebsten alle Lügen gebeichtet, die ich ihr erzählt hatte. Und am schönsten wäre es gewesen, wenn sei mir danach gesagt hätte, alles sei gut, weil man manchmal schlecht sein müsse, um etwas Gutes vollbringen zu können. Und dann hätte ich ihr am liebsten vom Telefon erzählt. Und dann hätte sie mir erzählen müssen, dass Dad trotzdem noch stolz auf mich gewesen wäre. Sie sagte: „Dad hat mich damals aus dem Gebäude angerufen“. (S. 434)

Ausgelesen: Es gibt wohl sicherlich selten ein so unglaublich verrücktes, außergewöhnliches und bewegendes Buch wie „Extrem laut und unglaublich nah“. Die Verarbeitung eines durch 9/11 verursachten Todesfalls durch die Augen eines hochbegabten Kindes erzählt zu bekommen und dabei gleichzeitig die Geschichte des Großvaters mitzuerleben, der sowohl seine eigenen Vergangenheit bewältigt als auch, wie der junge Oskar, auf seinen familiären Spuren wandelt sorgt für emotionale, mitreißende und von Überraschungen geprägte Lesestunden. Oskars Bilder, seine kindliche Erzählweise und die Authentizität der Erzähltexte durch das Drucken von nur wenigen Wörtern auf einer ganzen Buchseite ziehen den Leser vollkommen in den Bann -  ein abgefahrenes, keinesfalls kitischiges, melancholisches und gefühlvolles Großstadtmärchen!

Zum Autor: Jonathan Safran Foer, Jahrgang 1977, gelang mit „Alles ist erleuchtet“ der Durchbruch und verhalf ihm weltweit zu Anerkennung. Mittlerweile hat er auch das Libretto zu einer experimentellen Oper veröffentlicht, die aber wenig Anklang bei den Kritikern fand. 2004 erhielt er mit zwei anderen Autoren das Robert-Bingham-Stipendium des PEN-Verbandes, was ihn maßgeblich bei der Arbeit an „Extrem laut und unglaublich nah“ unterstützte.

Fischer Taschenbuch Verlag, 437 Seiten, ca 10,- €

Hermann Hesse – Siddharta

•20. Juni 2008 • 2 Kommentare

Die ersten Sätze: Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flussufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddharta auf, der schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit Govinda, seinem Freunde, dem Brahmanensohn. Sonne bräunte seine lichten Schultern am Flussufer, beim Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern. Schatten floss in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei den Lehren seines Vaters, des Gelehrten, beim Gespräch der Weisen.

Die letzten Worte: …was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.

Inhalt: Die fiktive Erzählung über das Leben Buddhas, Siddharta mit Namen, zeigt den Weg eines jungen Menschen auf dem Weg zur Erkenntnis. Der Weg zu dieser ist wahrhaft nicht immer leicht und birgt eine Menge an wichtigen Erfahrungen. Zusammen mit seinem besten Freund Govinda schließt sich Siddharta den Samanen an und verlässt sein Dorf, um in die große Welt zu gelangen. Diese Erzählung berichtet von Siddhartas Eindrücken und beschreibt den Prozess seiner geistigen und körperlichen Reifung…

Reingelesen:

  • Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz, durch das freiwillige Erleiden und Überwinden des Schmerzes, des Hungers, des Durstes, der Müdigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes in allen Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal verließ er sein Ich, stundenlang und tagelang verharrte er im Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom Ich hinwegführten, ihr Ende führte doch immer zum Ich zurück. (S.17)
  • „Du bist gelehrig, Siddharta, so lerne auch dies: Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse finden, aber rauben kann man sie nicht.“  (S.49)
  • „Viele Jahre musste ich damit hinbringen, den Geist zu verlieren, das Denken wieder zu verlernen, die Einheit zu vergessen. Ist es nicht so, als sei ich langsam und auf großen Umwegen aus einem Mann ein Kind geworden, aus einem Denker ein Kindermensch? Und doch ist dieser Weg sehr gut gewesen, und doch ist der Vogel in meiner Brust nicht gestorben.“ (S.79)
  • „Es ist gut“, dachte er, „alles selber zu kosten, was man zu wissen nötig hat.“ (S.81)

Ausgelesen: In einer unglaublich bildhaften, kunstvollen und rhetorischen Sprache wird hier die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der sich später zu einer großen religiösen Leitfigur entwickeln sollte. Eingebettet in eine märchenhafte Erzählung finden sich zahlreiche Weisheiten, philosophische Ansätze und Ideen, die auch den Leser selbst etwas angehen können. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen – einfach lesen!

Zum Autor: Hermann Hesse (1877-1962) ist wohl der meist gelesenste europäische Autor des 20. Jahrhunderts und erhielt 1946 den Nobelpreis für Literatur. Neben seinen Romanen sind auch seine zahlreichen Gedichte sehr bekannt und veranlassten jünst im Jahr 2006 die Produzenten Richard Schönherz und Angelica Fleer unter der Mitarbeit von Prominenten und Schauspielern, eine Auswahl seiner lyrischen Texte im „Hesse-Projekt“ zu vertonen.

Erhältlich im suhrkamp-Verlag, 121 Seiten, ca 7,- €

Ken Kesey – Einer flog über das Kuckucksnest

•25. April 2008 • Kommentar schreiben

Kuckucksnest

Die ersten Sätze: Sie sind da draußen. Schwarze Jungen in weißen Uniformen, die vor mir auf den Beinen sind, um im Flur Sexspiele zu treiben und die Spuren aufzuwischen, ehe ich sie dabei erwischen kann. Sie sind am Aufwischen, als ich aus dem Schlafsaal komme, alle drei schlechter Laune und voller Hass auf alles, die Tageszeit, ihren Arbeitsplatz, die Leute, die sie bei der Arbeit dauernd um sich herum haben. Solange sie so hassen, ist es besser, sie sehn mich nicht. Lautlos wie Staub schleiche ich mich in meinen Segeltuchschuhen an der Wand entlang, doch sie haben ganz empfindliche Spezialgeräte, die entdecken meine Angst, und alle schauen hoch, alle drei gleichzeitig, und die Augen funkeln aus den schwarzen Gesichtern wie das kalte Gefunkel von Röhren aus der Rückseite eines alten Radios.

Die letzten Worte: Ich bin lange fort gewesen.

Inhalt: In einer psychiatrischen Klinik regieren Schwester Ratched und ihre Pfleger eine Station. Die Patienten unterteilen sich in die Chronischen, die Akuten und die Vegetierer. Von den Akuten erhofft man sich noch medizinische oder therapeutische Erfolge, während die Chronischen sich lediglich aus dem Grund in der Klinik befinden, damit sie draußen kein Unheil anrichten. Die Vegetierer sind komplett auf fremde Hilfe angewiesen und können meistens nur noch liegen. Schwester Ratched hat im Laufe der Zeit einen perfekt funktionierenden Ablauf auf der Station eingebürgert, vor Elektroschocks, Fernseherentzug oder gar einem operativen Eingriff am Gehirn schreckt die berechnende und emotionslose Frau keinesweges zurück. Diese reibungslos ablaufende Maschinerie wird jedoch just vom Neuzugang Randle Patrick McMurphy ins Wanken gebracht, der sich vor seiner Strafgefangenenarbeit auf den Feldern drücken will und sich stattdessen als scheinbar psychisch gestörter Fall in die Klinik einweisen lässt. Schon bald kann McMurphy die Insassen für sich gewinnen und zettelt eine Revolte nach der anderen an. Doch er hat sich damit auf einen sehr gefährlichen Gegner eingelassen…

Reingelesen:

  • „In der Latrine meine ich. Ich mache immer das Licht aus, um meine Gedärme anzuregen. Diese Spiegel, Sie verstehen schon; wenn das Licht an ist, dann ist mir immer so, als säßen die Spiegel über mich zu Gericht; sie beraten, wie sie mich bestrafen werden, wenn nicht alles richtig herauskommt.“ (S.317)
  • „Sicher!“, schreit er wieder. „Wenn wir den Mu-mu-mut hätten! Ich könnte heute r-r-raus, wenn ich den Mut hätte. Meine M-m-mutter ist eine gute Freundin von Miss Ratched, und ich könnte heute noch ein AMA unterschrieben bekommen, wenn ich den Mut hätte!“ (S.205)
  • Noch vor Mittag sind sie wieder an der Nebelmaschine, aber sie haben sie nicht ganz aufgedreht; der Nebel ist nicht so dicht, dass ich nicht sehen könnte, wenn ich mich richtig anstrenge. Eines schönen Tages werd ich einfach aufhören, mich anzustrengen, ich werd mich ganz gehen lassen und mich völlig im Nebel verlieren [...]. (S.49)
  • „Wir haben Zeit, Wochen, Monate oder auch Jahre, wenn’s sein muss. Vergessen Sie nicht, dass Mr. McMurphy eingewiesen wurde. Es steht ganz bei uns zu entscheiden, wie lange er in dieser Klinik zu bleiben hat.“ (S.169)

Ausgelesen: Erzählt wird der Roman aus der Sicht des Indianders Bromden, der vorgibt, taubstumm zu sein. Bromden ist der festen Überzeugung, als einziger Insasse den wahren Ablauf in der Irrenanstalt verstanden zu haben: regiert und gelenkt wird alles von einer großen schwarzen Maschine, die sich ihrer Puppen und Roboter bedient und jeglichen Widerstand eliminiert. Nicht verwunderlich ist daher natürlich, dass die Glaubwürdigkeit des Erzählers oft angezweifelt werden kann. In Randle Patrick McMurphy (dessen Initialen R.P.M. übrigens den Satz „Revolutions per Minute“ bilden lassen) findet er endlich einen Verbündeten, mit dem man den Aufstand wagen kann, doch Bromden hat ein Problem: er fühlt sich viel zu klein. Der Roman entführt nicht nur in die erschreckende Welt der Psychatrie, der Fäkalien, Drogen, Tabletten, Elektroschocks und Wasserbehandlungen, sondern er dreht sich auch ständig um die Frage, inwieweit vermeintlich Benachteiligte bevormundet werden dürfen und wann sich ein Individuum einer höheren Gewalt fügen muss und wann nicht. Eine verrückte und nachdenklich stimmende Tragikomödie, die nicht nur ein Stück Weltliteratur ist, sondern auch heute noch eine gewisse Aktualität genießt.

Zum Autor: Ken Kesey (1935-2001) kam die Idee zu seinem Erfolgsroman, als er selbst für einige Zeit in einer Psychatrie arbeitete. Kesey war Mitglied der Hippie-Gruppe „The Merry Pranksters“ die durch bunte Kleidung, schräge Shows und durch ihre Befürwortung psychedelischer Drogen bekannt wurden und 1964 von San Francisco nach New York tourten. Keseys Roman wurde mittlerweile mit Jack Nicholson verfilmt, eine Theaterfassung und ein Hörspiel folgten.

Erhältlich im rororo-Verlag, 343 Seiten, ca. 9,-€

Souad – Bei lebendigem Leib

•6. April 2008 • Kommentar schreiben

Souad

Die ersten Sätze: Ich bin ein Mädchen, und Mädchen müssen immer schnell gehen und auf den Boden schauen, den Blick auf den Boden heften und sich beeilen. Mädchen dürfen nicht aufsehen oder den Blick schweifen lassen, denn wenn ein Mädchen einem Mann in die Augen schaut, behandelt sie das ganze Dorf als charmuta. Sieht eine verheiratete Nachbarin, eine alte Frau oder sonst jemand das Mädchen allein auf der Straße, ohne ihre Mutter oder ihre ältere Schwester, ohne Schaf, Heubündel oder einen Korb voller Feigen, gilt sie ebenfalls als charmuta. Ein Mädchen muss heiraten, damit es den Blick heben, den Dorfladen betreten, sich die Haare entfernen und Schmuck tragen darf.

Die letzten Worte: …, damit es nicht vergilbt. Danke.

Inhalt: Das junge Mädchen Souad lebt in einem kleinen Dorf irgendwo im Westjordanland. Als Frau geboren, gilt ihr Leben weniger als das eines Tieres: Schläge, Misshandlungen und Demütigung liegen an der Tagesordnung, sämtliche Arbeiten im Haus werden von Souad, ihrer Mutter und ihren Schwestern verrichtet, während der Vater mit Rohrstock und Peitsche für Zucht und Ordnung sorgt. Sogar umbringen darf er sie – wenn eine Frau stirbt, ist das keine große Schande. Weil Souad sich nach Liebe sehnt und sie in heimlichen Treffen mit einem Nachbarsjungen findet, beschmutzt sie die Ehre der Familie aufs Höchste und muss durch die Zimmerwand mit anhören, wie ihr eigenes Todesurteil gefällt wird.

Wenig später steht sie in Flammen, überlebt aber den schrecklichen versuchten Ehrenmord und gelangt im Krankenhaus in die Hände der Französin Jaqueline, die für Terre des Hommes arbeitet. Jaqueline sorgt dafür, dass sich Souad in Europa gemeinsam mit ihrem Sohn ein neues Leben aufbauen kann – jedoch für immer entstellt und vernarbt. Ihre neue Existenz ist ein langwieriger und qualvoller Prozess und nicht selten steht Souad kurz davor, aufzugeben.

Reingelesen:

  • Damals habe ich nicht begriffen, dass dummes Geschwätz oder Mutmaßungen von Nachbarn, ja sogar irgendwelche Lügen aus jeder Frau eine charmuta machen und sie zum Tode verurteilen konnten – um so die Ehre der anderen zu retten. (S.68 )
  • Ich weiß nicht, was sie mit Hanan gemacht haben. Auf jeden Fall verschwand sie aus dem Haus. Und ich habe sie vergessen. Ich verstehe nicht recht, warum. Auf die Angst folgte damals vermutlich wieder mein normales Leben mit Sitten und Gebräuchen, seinen Gesetzen und allem, was uns dazu zwang, diese Dinge „normal“ zu finden. Zu Verbrechen oder Grauen werden sie erst anderswo, im Westen, in anderen Ländern mit anderen Gesetzen. (S.43)
  • Und mein Vater schlug mich mehr denn je. Er gab mir Fußtritte und Stockhiebe auf den Rücken. Er packte mich an den Haaren, zwang mich in die Knie und drückte mein Gesicht in die Asche, die zum Glück nur noch warm war. [...] Zur Strafe musste ich die Asche essen. (S.61)
  • Sie verzieht ihr Gesicht, sie beißt sich auf die Lippen und weint noch heftiger. „Hör mir zu, meine Tochter, ich möchte, dass du stirbst, es ist besser, wenn du stirbst. Dein Bruder ist noch so jung, wenn du nicht stirbst, bekommt er Schwierigkeiten.“ (S.146)
  • Für unser westliches Verständnis ist die Vorstellung unglaublich, dass Eltern oder Brüder ihre Tochter oder Schwester umbringen, nur weil sie sich verliebt hat – und das heutzutage. (S.156)

Ausgelesen: Dass im 21. Jahrhundert an einigen Orten der Welt noch immer unvorstellbare Zustände wie zur Zeit des Mittelalters herrschen, ist schwer nachvollziehbar. Souads Geschichte, die sich wirklich so ereignet hat, ist die erste Möglichkeit, die Thematik des Ehrenmordes, der noch in vielen Ländern üblich ist und dem jährlich tausende Menschen zum Opfer fallen, der Welt näher zu bringen. Die Täter gelten dabei noch oft als Helden und werden für ihre Taten gar nicht oder nur gering bestraft. Eindrucksvoll, unfassbar und sehr beeindruckend schildert hier eine Frau ihre Lebensgeschichte, die dem Tod nur um Haaresbreite entkommen konnte und sich mit dem Kulturschock in der westlichen Welt über einen langwierigen Prozess auseinandersetzen musste. Dass sich Frauen schminken, Männern in die Augen schauen oder laut reden dürfen, ist da nur eine von vielen unfassbaren Tatsachen, die Souad nicht verstehen kann. Und auch Jaqueline meldet sich zu Wort und berichtet von ihrer Arbeit vor Ort. Eine sehr ergreifende Geschichte, die man gelesen haben sollte.

Autorin: Souad (*ca. 1950) lebt aus Angst vor einer eventuellen Rache ihrer Angehörigen mit ihrer Familie unter anderem Namen irgendwo in Europa. Lange hat sie überlegt, ihre Geschichte in einem Buch zu veröffentlichen und sich endlich überwunden, um dem in vielen Ländern noch praktizierten Ehrenmord eines von vielen schrecklichen Gesichtern zu geben. Jaqueline, die für Terre des Hommes und die „Fondation Surgir“ arbeitet, füllt dabei die Lücken auf, an die sich Souad nicht mehr erinnern kann und berichtet von ihren Aufgaben als Mitarbeiterin dieser Organisation.

Erhältlich im blanvalet-Verlag, 286 Seiten, ca. 8,50,- €

Jonathan Safran Foer – Alles ist erleuchtet

•21. März 2008 • 1 Kommentar

Alles ist erleuchtet

Die ersten Sätze: Mein gesetzlicher Name ist Alexander Perchow. Aber alle meine Freunde nennen mich Alex, weil das eine Version meines gesetzlichen Namens ist, die man lässiger sprechen kann. Mutter nennt mich „Alexi-nerv-mich-nicht“, weil ich sie immer nerve. Wenn Sie wissen wollen, warum ich sie immer nerve: Das liegt daran, dass ich immer mit Freunden woanders bin und so viel Geld verbreite und so viele andere Dinge ausführe, die eine Mutter nerven. Vater hat mich immer Schapka genannt, wegen der Pelzmütze, die ich sogar im Sommermonat getragen habe.

Die letzten Worte: …die Tür im Dunkeln öffnen, und ich werde

Inhalt: Alex und sein Großvater, die beide in der Ukraine leben, haben die Aufgabe, einen jungen Amerikaner zu begleiten, der in der Ukraine auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Familie ist. Alex soll in Englisch und Ukrainisch übersetzen und dem Amerikaner, der Jonathan Safran Foer heißt, zur Hand gehen. Begleitet wird Alex von seinem Großvater, der den Wagen fahren soll und der kleinen Hündin Sammy David jr. jr. Jonathan weiß von einer Frau namens Augustine, die damals im Holocaust seinem Großvater das Leben rettete und somit auch Jonathans Leben möglich machte. Jonathan will sich nun auf Spurensuche begeben, vor allem will er das jüdische Schtetl Trachimbrod finden, in dem die ganze Geschichte seiner Familie ihren Anlauf nahm. Gemeinsam mit Alex, der mehr schlecht als recht Englisch sprechen kann, dem Großvater, dem Hund und einem klapprigen Wagen machen sich die vier auf eine Reise in die Vergangenheit.

Die Geschichte wird dabei aber auf eine besondere Art erzählt: rückblickend tragen Jonathan und Alex ihre Erlebnisse aus diesem unvergesslichen Roadmovie zusammen. Während Alex in Briefen an Jonathan die jeweiligen Kapitel bespricht und die Ereignisse in der Ukraine aufschreibt, schildert Jonathan auf seine ganz eigene Art und Weise die Geschichte des jüdischen Schtetls Trachimbrod, in dem die Bewohner allerlei seltsame Gewohnheiten pflegen, der Rabbi jeden Satz mit „UND“ beginnt, die Synagoge auf Rädern beweget werden kann und ein traditonelles Fest alljährlich das Schtetl auf den Kopf stellt.

Reingelesen:

  • Die Zwillinge versteckten sich wie Geister unter dem Tallith ihres Vaters. Das in den versunkenen Nachthimmel gehüllte Pferd auf dem Grund des Flusses schloss die müden Augen. Die prähistorische Ameise in Jankels Ring, die schon lange bevor die erste Planke von Noah festgehämmert worden war, reglos im honigfarbenen Bernstein gelegen hatte, verbarg schamvoll den Kopf zwischen ihren vielen Beinen. (S.27)
  • Es waren eigentlich keine Arbeiter, sondern örtliche Schauspieler, die bezahlt wurden, damit sie wie Arbeiter aussahen, auf den Planken des Gerüstes umhergingen, überflüssige Nägel in überflüssige Wände schlugen, diese Nägel wieder herauszogen und sich prüfend über Pläne beugten. (Diese Pläne wurden übrigens auch in Pläne eingezeichnet, und darauf waren Pläne zu sehen, auf denen man Pläne erkennen konnte, die ihrerseits Pläne enthielten…) (S.231)
  • Sie lachten beide. Ein nervöses Lachen. Es begann als leises Kichern. Addiert. Lauteres Lachen. Multipliziert. Noch lauter. Potenziert. Lachen, unterbrochen von Keuchen. Haltloses Lachen. Lachkrampf. Unendlich. (S.323)
  • Die zu ihm beteten, glaubten immer weniger an den Gott, den sie selbst erschaffen hatten, und immer mehr an sich selbst. Die unverheirateten Frauen küssten die eingedellten Lippen der Sonnenuhr, doch ihr Glaube galt nicht ihrem Gott, sondern dem Kuss: Sie küssten sich selbst. Und wenn die Bräutigame vor ihm knieten, dann glaubten sie nicht an den Gott, sondern an das Knien, nicht an die bronzierten Knie des Gottes, sondern an ihre eigenen schmerzenden Knie. (S.201)

Ausgelesen: Auf eine ganz andere, oft ziemlich verrückte und witzige Weise wird hier die Geschichte eines jungen Amerikaners erzählt, der sich auf die Suche nach der Wurzeln seiner Familie macht und dabei auch wissen will, was mit seinen Vorfahren während des Holocaust geschehen ist. Verwoben damit ist die Persönlichkeit des ukrainischen Dolmetschers Alex, der von einem Leben im großen Amerika träumt und sich von seiner Familie lösen will. Mithilfe der Intertextualität von Trachimbrods fabulös erzählter Geschichte, Alex’ Schilderungen und seinen Briefen an Jonathan erschafft der Autor Foer ein genial komisches und zugleich sehr ernstes und tiefgründiges Roadmovie, das geschickt mit den beiden großen Themen Charakterfindung und Vergangenheitsbewältigung zu jonglieren weiß und sich dabei auch nicht scheut, die kleinen Besonderheiten einer jüdischen Dorfbevölkerung mit einem Augenzwinkern zu karikieren.

Autor: „Alles ist erleuchtet“ war Jonathan Safran Foers (*1977) Erstlingswerk und verhalf ihm zum Durchbruch. Für diesen Roman erhielt Foer weiterhin einige Preise, Kritiker priesen sein Buch als „bestes Buch des Jahres“. „Alles ist erleuchtet“ wurde mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt und mit Elijah Wood in der Hauptrolle unter der Regie von Liev Schreiber verfilmt.

Fischer Taschenbuch Verlag, 383 Seiten, ca. 10,- €

Morton Rhue – Boot Camp

•18. März 2008 • 3 Kommentare

Boot Camp

Die ersten Sätze: „Entschuldigen Sie. Meine Hände sind taub.“ „Ach ja?“, erwidert der Mann am Steuer des Autos. Er heißt Harry. „Könnten Sie die Handschellen vielleicht etwas lockerer machen?“, frage ich. „Tut mir Leid, Muttersöhnchen.“ „Wenn’s Ihnen Leid tut, warum helfen Sie mir dann nicht?“ „Nichts zu machen.“ Harry trägt einen Cowboyhut und spricht ziemlich undeutlich. Ich sitze auf der Rückbank des dunklen Wagens und sehe nur die Umrisse seiner Schulter und den dicken Hals unter seinem breiten Hut. Meine Hände sind schon seit zwei Stunden hinter meinem Rücken gefesselt, ich spüre sie nicht mehr. Nur noch ein Kribbeln unterhalb der Handgelenke.

Die letzten Worte: „Aber…ich habe es verdient, Sir.“

Inhalt: Connor kann es selbst noch kaum glauben, als ihn zwei wildfremde Menschen auf dem Rücksitz ihres Wagens an einen anderen Ort bringen, an dem Connor einige Zeit verbringen soll. In einem sogenannten Boot Camp, einem Erziehungslager, das obendrein den gemein ironischen Namen „Lake Harmony“ trägt, soll Connor aus seinen Fehlern lernen und sich zu einem besseren Jugendlichen entwickeln. Wie lange er dafür braucht, liegt an ihm – es kann schlimmstenfalls Jahre dauern, wie ihm bei seiner Ankunft erklärt wird.

Dabei ist Connor keinesfalls ein Krimineller oder ein schwer erziehbarer Junge – Connors biedere und karrierebewusste Eltern kommen lediglich mit seiner überdurchschnittlich hohen Intelligenz nicht zurecht und können sich beim besten Willen nicht erklären, warum Connor, der sich in der Schule unterfordert fühlt und daher den Unterricht schwänzt, so „schwierig“ ist. Zudem bringt eine Affäre mit seiner Lehrerin die elterlichen Dogmen ins Wanken – Connor muss ins Boot Camp. Er findet sich wieder in einer Gruppe von Jugendlichen, die man auch „Familie“ nennt, die Namen wie „Würde“ oder „Achtung“ tragen. Connor darf nur reden, sitzen oder gehen, wenn er dazu aufgefordert wird, Rebellion oder Auflehnung wird hart bestraft, Schläge und Misshandlung liegen an der Tagesordnung. Wer sich trotzdem nicht benimmt, „darf“ in die IS, die Isolierstation, und wird dort aus heiterem Himmel zusammengeschlagen. Es machen auch Gerüchte die Runde, dass letztes Jahr ein Jugendlicher in „Lake Harmony“ gestorben sei…

Reingelesen:

  • Meine Eltern sagen, dass ich mit zweieinhalb Jahren schon laut vorlesen konnte. Die Eignungsprüfung für den Kindergarten war für mich ein Klacks. Mit fünf konnte ich Wurzeln und Potenzen berechnen. In den ersten sieben Jahren meines Lebens bekam ich immer nur zu hören, was für ein kluges Kind ich sei. Mit acht habe ich dann einen Brief meiner Mutter gefälscht, ich könne wegen schweren Asthmas nicht am Sportunterricht teilnehmen. [...] Von da an war ich nicht mehr das kluge Kind. Ich war einfach schlauer, als gut für mich war. (S.27)
  • Willkommen auf der IS-der Isolierstation-, wo man micht zwingt, mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden zu liegen. Und das ohne Unterbrechung. Nur zum Essen oder wenn ich auf die Toilette muss, darf ich für wenige Minuten aufstehen. (S.39)
  • Die Stimmung im Camp ist unberechenbar. (S.106)

Ausgelesen: Morton Rhue beschreibt auf eine schockierende Weise aus der Ich-Perspektive eines Jugendlichen den Alltag in einem schrecklichen Boot Camp irgendwo in Amerika. Wie viele Boot Camps es genau in Amerika gibt, weiß man nicht so genau, Schätzungen zufolge zwischen 50 und 100. Schonungslos, brutal und unfassbar erniedrigend geht es an diesem Ort zu, wer aufbegehrt, wird sofort klein gemacht. Das muss auch Connor mehrmals am eigenen Leib spüren. Zum stets aktuellen Thema „Erziehung“ und diskutierten Methoden für schwer erziehbare Jugendliche à la Camping im Outback, Leben auf einer verlassenen Alm oder Austausch in eine fremde Familie ist „Boot Camp“ jedenfalls ein abschreckendes Beispiel. Der Hauptcharakter Connor ist hierbei eine Beispielfigur, bei der die Erfahrungen sicherlich auf die Spitze getrieben werden, doch viele Jugendliche werden ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Ein interessantes und originelles Jugendbuch, dass auch als Klassenlektüre denkbar wäre.

Autor: Morton Rhue (*1950) heißt mit richtigem Namen Todd Strasser und wurde vor allem mit seinem Roman „Die Welle“ berühmt, dem auch mittlerweile zwei Verfilmungen folgten, die aktuelle mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Rhue greift in seinen Werken stets Themen auf, die Diskussionsmaterial liefern und macht damit auch auf aktuelle Probleme aufmerksam, wie etwa Obdachlosigkeit, Gewalt, Amokläufe oder Rechtsextremismus.

Erhältlich im Ravensburger Buchverlag, 288 Seiten, ca 7,- €

Khaled Hosseini – Drachenläufer

•9. März 2008 • Kommentar schreiben
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Die ersten Sätze: An einem eiskalten bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich – im Alter von zwölf Jahren – zu dem, der ich heute bin. Ich erinnere mich noch genau an den Moment: Ich hockte hinter einer bröckelnden Lehmmauer und spähte in die Gasse in der Nähe des zugefrorenen Bachs. Viel Zeit ist inzwischen vergangen, aber das, was man über die Vergangenheit sagt, dass man sie begraben kann, stimmt nicht. So viel weiß ich nun. Die Vergangenheit wühlt sich mit ihren Krallen immer wieder hervor.

Die letzten Worte: …breiter als das Panjshir-Tal. Ich rannte.

Inhalt: Amir, einst in Afghanistan aufgewachsen, lebt mittlerweile in Amerika. Vor Jahren verband ihn in seiner Kindheit eine innige Freundschaft mit Hassan. Hassan war der Sohn des Dieners im Haus von Amirs Familie, doch trotzdem waren die beiden Jungen ständig zusammen, auch wenn Hassan und sein Vater zu einer ethnischen Minderheit Afghanistans gehörten. Am liebsten nahmen sie an den Wettbewerben im Drachensteigen teil, die ganz Kabul im Atem hielten. Doch die Freundschaft zerbricht jählings, als an dem kleinen Hassan ein schreckliches Verbrechen verübt wird und Amir hilflos dabei zusehen muss. Wenig später fallen die Russen in Afghanistan ein und Amir und sein Vater fliehen. Sie landen schließlich in Amerika und gründen sich dort eine neue Existenz. Doch dann holt Amir die Vergangenheit ein und er kehrt nach Kabul zurück – und trifft vor Ort auf ein schreckliches, ganz anderes Afghanistan, als er es aus seinen Jugendtagen kennt.

Reingelesen:

  • Ich war so stolz auf Baba, auf uns beide. Doch trotz Babas Erfolgen zweifelten die Leute immer an ihm. Sie erklärten ihm, dass es ihm nicht im Blut liege, ein Geschäft zu führen, er solle lieber Jura studieren wie sein Vater. Also bewies Baba ihnen, dass sie Unrecht hatten, indem er nicht nur sein eigenes Geschäft leitete, sondern überdies einer der reichsten Händler Kabuls wurde. (S. 22)
  • Ich begann die Schnur meines Drachens einzuholen, als die ersten Leute auf mich zueilten, um mir zu gratulieren. Ich schüttelte Hände und bedankte mich. Die jüngeren Kinder blickten mich mit einem ehrfurchtsvollen Glitzern in den Augen an. Ich war ein Held. (S. 75)
  • Rahim Khan lachte. „Kinder sind doch nicht wie Malbücher. Du kannst sie nicht mit deinen Lieblingsfarben ausmalen.“ (S. 29)
  • Das Leben ist schließlich kein Hindi-Film. [...] Das Leben geht weiter; unabhängig von Ausgang oder Ende, ungeachtet aller Klippen und Krisen, bewegt es sich langsam voran wie eine Karawane. (S. 363)

Ausgelesen: Ausgehend von einer Freundschaft aus der Kindheit zeichnet Khaled Hosseini anhand von Rückblenden in die Vergangenheit ein eindrucksvolles Bild von dieser uns so fremden Kultur und man darf erleben, wie Afghanistan vor der sowjetischen Invasion war und was sich alles veränderte, als die Taliban die Macht ergriffen. Eine sehr berührende, unglaublich authentische Geschichte über Freundschaft, Krieg und Schuld. Gerade die Schuld, die Amir noch immer an sich sieht, lässt ihn letztendlich in das heutige Afghanistan aufbrechen, um sie zu begleichen. Ein großartiger Roman, der gerade unter der ständigen Präsenz des Themas Afghanistan und Taliban in den öffentlichen Medien eine wichtige Aktualität genießt und trotzdem eine neue Facette der fernöstlichen Welt zu eröffnen vermag.

Autor: Khaled Hosseini (*1965) lebte, wie die Hauptfigur seines Romans, auch als Kind in Afghanistan. Er verarbeitet in diesem Buch auch eigene Eindrücke aus dieser Zeit, in seiner Nachbarschaft gab es beispielsweise einen Jungen, der Hassan sehr ähnlich war. Dass Hosseini sehr viel eigene Gefühle über diese Thematik in den Roman verarbeitet, wird beim Lesen auch sehr deutlich spürbar. Khaled Hosseinis Debütroman wurde weltweit bereits über 7 Millionen Mal verkauft und sehr werkgetreu verfilmt, im Sommer 2007 erschien sein zweiter Roman, „Tausend strahlende Sonnen.“

BvT Berliner Taschenbuchverlag, 385 Seiten, ca 10,50,- €

Nick Hornby – A Long Way Down

•5. März 2008 • 1 Kommentar

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Die ersten Sätze: Ob ich erklären kann, warum ich von einem Hochhaus springen wollte? Selbstverständlich kann ich erklären, warum ich von einem Hochhaus springen wollte. Ich bin ja kein Vollidiot. Ich kann es erklären, weil es nicht unerklärlich ist: Es war eine logische Entscheidung, das Ergebnis reiflichen Nachdenkens. Wenn auch wieder nicht allzu ernsthaften Nachdenkens.

Die letzten Worte: …aber das musste es wohl, denke ich.

Inhalt: Dass das Dach von Topper’s House beliebt bei Selbstmördern ist, ist allgemein bekannt. Aber dass ausgerechnet in der Silvesternacht gleich vier Menschen auf die Idee kommen, sich umzubringen, ist nun doch ein seltsamer Zufall. Oder doch mehr als bloß ein Zufall? Unterschiedlicher hätten die vier nicht sein können: Maureen, deren Alltag sich einzig und allein um ihren behinderten Sohn Matty dreht und die sich die ganze Zeit fragt, was sie denn falsch gemacht hat, dass Gott sie mit so einer schweren Bürde belegt. Martin, Fernsehmoderator einer Vormittagstalkshow, der in den letzten Wochen von der Boulevardpresse zerissen wurde, weil er mit einer 15jährigen geschlafen hat, Ex-Frau Cindy und Noch-Freundin Penny bringen auch nur Ärger und Probleme. Der Amerikaner JJ, einst begeisterter Musiker und nach der Auflösung seiner Band zum lustlosen Pizzaboten verkommen, kann die Trennung von Band und Freundin Lizzie nur schwer verkraften. Und dann ist da noch die pubertierende Göre Jess, die mit Kraftausdrücken nicht spart und ihren Mitmenschen sehr direkt sagt, was sie von ihnen hält. Die vier kommen ins Gespräch und beschließen schließlich, ihren gemeinsamen Selbstmord zu verschieben und in der verbleibenden Zeit zu überlegen, was noch für und was bereits gegen eine lebenswerte Existenz spricht. Und schon bald merkt jeder auf seine eigene Weise, wie er den anderen drei helfen kann.

Reingelesen:

  • [...] man kann sich über jeden lustig machen, der unglücklich ist, man muss nur grausam genug sein. (S.55)
  • Noch vor dem Bad habe ich mich auf den Teppichboden übergeben. Na ja, ich sage „Teppichboden“, aber eigentlich übergab ich mich da, wo ein Teppichboden hätte sein müssen, doch er besaß keinen. Was ganz gut war, denn so war es nachher viel einfacher, sauber zu machen. Ich habe viele dieser Sendungen gesehen, in denen sie einem das Haus neu einrichten, und nie verstanden, wieso sie einem immer einreden, die Teppiche wegzuschmeißen, sogar gute, die noch einen schönen dicken Flor haben. Aber jetzt frage ich mich, ob sie zuerst einmal eruieren, ob die Leute, die in dem Haus wohnen, sich häufig übergeben oder nicht. Ich habe festgestellt, dass viele jüngere Leute blanke Fußböden haben, und natürlich übergeben die sich öfter, bei dem vielen Bier und sonstwas, das sie trinken. Und bei den Drogen, die sie heute nehmen, wohl auch, vermute ich. (Muss man sich von Drogen übergeben? Ich würde sagen, ja, oder?) (S. 117 f.)
  • Also wie kommen Leute bloß ohne Schimpfworte aus? Wie ist so was möglich? (S. 174)
  • Wahrscheinlich wissen Sie auch, dass man, wenn man aus dem Flugzeugfenster blickt und die Welt zusammenschrumpfen sieht, unwillkürlich an sein ganzes Leben denken muss, an alle Menschen, die man je gekannt hat. Und Sie werden wissen, dass man beim Gedanken an all diese Dinge Gott, der sie geschenkt hat, aufrichtig dankbar ist, und böse, weil er Ihnen nicht hilft, sie besser zu verstehen, bis Sie zuletzt ganz durcheinander sind und den Rat eines Geistlichen nötig hätten. Ich nahm mir vor, auf dem Rückflug nicht am Fenster zu sitzen. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie diese Jetset-Leute, die ein bis zwei Mal im Jahr fliegen müssen, das verkraften. (S. 237)
  • Jetzt war die Zeit, zu danken, und nicht, meines Nächsten Weib oder Meerblick zu begehren. (S. 238 )

Ausgelesen: Nick Hornby schildert auf eine eindrucksvolle, lebensnahe und intensive Weise gleich vier Geschichten von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können und doch eines gemeinsam haben: sie sehen keinen Ausweg mehr. Mit dem Wechsel der Perspektiven von Maureen, Martin, JJ und Jess ändert sich auch die Ansicht der Umwelt, die Meinung vom Leben und die verwendete Sprache. Doch die vier haben die Möglichkeit, sich gegenseitig wieder hoch zu ziehen. Und das versuchen sie auch, jeder auf seine eigene, oft komische Art und Weise. Eindrucksvoller Rpman, der ohne Kitsch zu erklären vermag, warum es sich lohnt, nicht gleich aufzugeben.

Autor: Nick Hornby (*1957) kennt man vor allem seit der Romanverfilmung zu  „About a boy“ mit Hugh Grant und Toni Collette. Vor seinen Büchern schrieb er für diverse Zeitungen, heute arbeitet er als Popmusikkritiker bei „The New Yorker“. Zu seinen bekanntesten Werken zählen des Weiteren „High Fidelty“ und „Fever Pitch“, sein neuester Roman „Slam“ erschien vor einigen Wochen hier in Deutschland.

Droemer/Knaur Taschenbuchverlag, 388 Seiten, ca 9,- €